BepiColombo im Anflug auf Merkur: Acht Jahre Reise, ein einziger Bremsversuch
Am 3. September 2026 um 15:49 Uhr MESZ erreichte ein Signal die Bodenstationen der ESA, das acht Jahre Reise in eine neue Phase überführte. Das Mercury Transfer Module der Sonde BepiColombo hatte sich erfolgreich von den beiden wissenschaftlichen Orbitern abgetrennt, dem letzten großen Schritt vor der eigentlichen Ankunft am Merkur. Seitdem befindet sich die gemeinsame Mission von ESA und JAXA in ihrer heikelsten Phase: der Anflugsequenz, die am 21. November 2026 in einem einzigen, vollständig autonomen Bremsmanöver gipfeln soll.
Für alle, die sich sonst eher mit den ruhigeren Weltraum-Szenen auf dem eigenen Desktop beschäftigen, ist das ein guter Anlass, einmal auf eine echte, gerade laufende Mission zu schauen, warum sie überhaupt so kompliziert ist, was am Ende dabei herauskommen soll, und wo die Grenze zu Gloomias eigenen astronomischen Hintergründen tatsächlich verläuft.
Acht Jahre, 9,9 Milliarden Kilometer: Die Reise bis hierhin
BepiColombo startete am 20. Oktober 2018 von Kourou aus mit einer Ariane 5. An Bord befanden sich zwei separate Orbiter, verbunden zu einem einzigen Raumfahrzeug: der europäische Mercury Planetary Orbiter (MPO), gebaut und betrieben von der ESA, und der japanische Mercury Magnetospheric Orbiter, kurz Mio, gebaut und betrieben von der JAXA. Für die Reise dorthin waren beide auf das Mercury Transfer Module angewiesen, das über Solarpanele einen Ionenantrieb speiste und zusätzlich als Hitzeschutz diente, während sich die Sonde der Sonne näherte.
In den vergangenen acht Jahren hat BepiColombo dabei nach aktuellem Stand rund 9,9 Milliarden Kilometer zurückgelegt, deutlich mehr als die direkte Distanz zum Merkur, weil die Route absichtlich über neun Planetenvorbeiflüge führte: einen an der Erde, zwei an der Venus und sechs am Merkur selbst. Jeder dieser Vorbeiflüge nutzte die Schwerkraft des jeweiligen Planeten, um die Flugbahn der Sonde behutsam anzupassen, ganz ohne den enormen Treibstoffaufwand, den eine direkte Anreise verlangt hätte.
Warum der Merkur so schwer zu erreichen ist
Das klingt zunächst kontraintuitiv, der Merkur ist von allen großen Planeten der Sonne am nächsten und aus reiner Entfernungssicht eigentlich näher an der Erde als der Mars. Das eigentliche Problem ist aber nicht die Distanz, sondern die Schwerkraft der Sonne selbst. Jedes Raumfahrzeug, das sich der Sonne nähert, fällt dabei zugleich immer schneller in ihr Gravitationsfeld hinein und gewinnt enorm an Geschwindigkeit, ganz ähnlich wie ein Ball, der einen langen Hang hinunterrollt. Um am Merkur nicht einfach daran vorbeizuschießen, muss genau diese Geschwindigkeit am Ziel wieder komplett abgebaut werden.
Eine direkte Bremsung mit klassischem chemischem Treibstoff würde dafür eine Menge an Masse verlangen, die kaum noch Platz für Instrumente ließe. BepiColombo löst das stattdessen über die Kombination aus Ionenantrieb und den erwähnten neun Vorbeiflügen, die die Fluggeschwindigkeit über Jahre hinweg schrittweise an die des Merkur angleichen, bevor am Ende überhaupt noch ein klassisches Bremsmanöver nötig ist. Genau dieses letzte Manöver steht jetzt bevor, und weil der Merkur so weit von der Erde entfernt ist, dass Funksignale mehrere Minuten brauchen, muss es komplett autonom an Bord ablaufen, ohne die Möglichkeit einer Korrektur vom Boden aus, während es passiert.
Die entscheidende Phase: Vom 3. September bis zum 21. November
Die Abtrennung des Mercury Transfer Module am 3. September markierte den Beginn der eigentlichen Ankunftssequenz. Ohne das Transfer Module übernehmen MPO und Mio ab sofort ihre eigene Lageregelung und Energieversorgung, während sie sich in einer engen Formation auf den finalen Anflug vorbereiten. Der wichtigste Termin in diesem Fahrplan ist der 21. November 2026, wenn ein einziges Bremsmanöver die kombinierte Sonde in eine erste Umlaufbahn um den Merkur einschwenken soll. Es handelt sich um ein Manöver mit nur einem Versuch, ohne Echtzeit-Eingriffsmöglichkeit vom Boden, was es zu einem der heikelsten Momente der gesamten Mission macht.
Gelingt die Einschwenkung, trennen sich MPO und Mio anschließend am 9. und 10. Dezember 2026 endgültig voneinander und beziehen jeweils eigene, für ihre Instrumente optimierte Umlaufbahnen um den Planeten. Bis zum Beginn des regulären wissenschaftlichen Betriebs im April 2027 folgt dann noch eine mehrmonatige Kommissionierungsphase, in der sämtliche Instrumente kalibriert und die Umlaufbahnen weiter verfeinert werden, bevor die eigentliche Forschungsarbeit am Merkur beginnt.
Was BepiColombo herausfinden soll
Im Zentrum der Mission steht eine Besonderheit, die den Merkur unter den Gesteinsplaneten zum Außenseiter macht: sein aktives, globales Magnetfeld. Während die Erde ein solches Feld besitzt, haben weder die deutlich massereichere Venus noch der Mars eines, obwohl beide Planeten dem Merkur an Größe und innerem Aufbau eigentlich näherstehen sollten. Erklärt wird das meist mit einem ungewöhnlich großen, teils noch flüssigen Metallkern, der einen Großteil des Planetenvolumens einnimmt, MPO und Mio sollen mit ihren Magnetometern und weiteren Instrumenten klären, wie dieses Feld tatsächlich erzeugt wird und woraus der Kern im Detail besteht.
Eine zweite, für viele überraschende Fragestellung betrifft Wasser, ausgerechnet auf dem sonnennächsten Planeten. In tiefen Kratern nahe den Polen des Merkur fällt aufgrund der geringen Achsneigung nie direktes Sonnenlicht hinein, wodurch dort dauerhaft extrem niedrige Temperaturen herrschen. Frühere Missionen fanden Hinweise auf Wassereis-Ablagerungen genau in solchen permanent beschatteten Regionen, BepiColombo soll diese Funde mit genaueren Messungen bestätigen und einordnen. Dazu kommen grundlegende Fragen zur Entstehung des Planeten selbst, dessen ungewöhnlich hohe Dichte bis heute nicht vollständig erklärt ist.
Nicht die erste Sonde: Mariner 10 und MESSENGER
BepiColombo ist erst die dritte Mission, die den Merkur überhaupt aus der Nähe untersucht. Den Anfang machte die NASA-Sonde Mariner 10, die am 29. März 1974 als erstes von Menschen gebautes Flugobjekt am Merkur vorbeiflog, und dabei zugleich als erste Sonde überhaupt das Gravity-Assist-Verfahren nutzte, also einen Vorbeiflug an der Venus, um Kurs auf den Merkur zu nehmen, dieselbe Technik, die BepiColombo Jahrzehnte später in deutlich aufwendigerer Form selbst anwendet. Bei insgesamt drei Vorbeiflügen machte Mariner 10 rund 9000 Aufnahmen und erfasste damit etwa 45 Prozent der Merkuroberfläche, sein Magnetometer entdeckte zudem als Erstes das schwache, aber eben doch vorhandene Magnetfeld des Planeten.
Rund 30 Jahre später folgte MESSENGER, gestartet am 3. August 2004 und ab März 2011 als erste Sonde überhaupt in einer festen Umlaufbahn um den Merkur. MESSENGER lieferte die erste vollständige Kartierung der Oberfläche und fand genau jene Hinweise auf Wassereis und organische Moleküle nahe dem Nordpol, auf denen die Erwartungen an BepiColombo heute aufbauen. Die Mission endete im April 2015, als der Sonde nach jahrelangem Betrieb der Treibstoff ausging und sie kontrolliert auf der Merkuroberfläche aufschlug. Seither, gut ein Jahrzehnt lang, war der Merkur ohne eigenen Orbiter, bis jetzt.
Der deutsche Beitrag: MERTIS und BELA
An Bord des europäischen Orbiters MPO stammen zwei zentrale Instrumente vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. MERTIS, das MErcury Radiometer and Thermal Infrared Spectrometer, kartiert die mineralogische Zusammensetzung der Merkuroberfläche im thermischen Infrarotbereich und soll so Rückschlüsse auf die Gesteinsarten und die geologische Geschichte des Planeten liefern. BELA, der BEpiColombo Laser Altimeter, misst per Laserpulsen die Höhenprofile der Oberfläche und erstellt daraus ein präzises dreidimensionales Geländemodell des Merkur, ein Datensatz, von dem sowohl Geologen als auch die Planung künftiger Landemissionen profitieren dürften. Beide Instrumente wurden von DLR-Teams entwickelt und werden während der Mission auch von dort aus betrieben.
Was das mit deinem Desktop zu tun hat, und was nicht
Ehrlich gesagt: erst einmal wenig. Wer bei Gloomia genauer hinschaut, findet zwei Hintergründe, die man in diesem Zusammenhang leicht überinterpretieren könnte, und deshalb lohnt sich eine klare Trennung. Orrery gehört zu den Hintergründen, die wir schon im Rahmen der echten astronomischen Daten in Gloomias Katalog ausführlicher vorgestellt haben, er berechnet fortlaufend, wo sich Merkur, Venus, Erde und die übrigen Planeten gerade tatsächlich auf ihren Bahnen befinden. Das ist derselbe Mechanismus, der auch hinter unseren Artikeln zur Saturn- und Neptun-Opposition im Herbst 2026 und zum größten Glanz der Venus im September stand. Orrery zeigt also echte Positionen, aber keine Raumsonden, keine Missionsphasen und keine Ereignisse wie eine Orbit-Einschwenkung.
Space Explorer wiederum, die Sonde, die ruhig durch ein Sternenfeld gleitet, ist das genaue Gegenteil: eine komplett dekorative, künstlerisch gestaltete Szene ohne jeden Bezug zu einer realen Mission, weder zu BepiColombo noch zu einer anderen. Wir haben diese Unterscheidung erst kürzlich bei den laufenden SpaceX-Starship-Testflügen genauso gezogen, und sie gilt hier unverändert: ein Live-Hintergrund kann eine passende Stimmung für ein echtes Ereignis liefern, ohne es tatsächlich abzubilden. Wer die Mission selbst mitverfolgen will, findet die verlässlichsten Informationen direkt bei ESA und JAXA, nicht auf dem eigenen Desktop.
Was den beiden Hintergründen trotzdem gemeinsam ist: Sie eignen sich gut, um in den kommenden Wochen bei der Sache zu bleiben. Bis zum Bremsmanöver am 21. November bleibt BepiColombo in einer stillen, aber angespannten Warteposition, ganz ohne spektakuläre Bilder, dafür mit einem sehr klaren Termin, an dem sich zeigt, ob acht Jahre Reise tatsächlich mit einer stabilen Merkur-Umlaufbahn enden. Ein Orrery-Hintergrund, der nebenbei die reale Position des Merkur mitrechnet, ist dafür zumindest ein unaufdringlicher Zeitvertreib bis dahin, mehr aber auch nicht.
Wie es weitergeht
Der nächste wirklich entscheidende Termin ist der 21. November 2026 mit dem Einschwenk-Manöver, gefolgt von der Trennung der beiden Orbiter am 9. und 10. Dezember. Bis der reguläre wissenschaftliche Betrieb im April 2027 anläuft, wird es vermutlich noch relativ ruhig um die Mission bleiben, technische Kommissionierung liefert selten die Art von Bildern, die es in die Schlagzeilen schafft. Genau deshalb lohnt sich jetzt schon ein Blick auf die Ausgangslage: Eine der technisch anspruchsvollsten Ankunftssequenzen, die die ESA je unternommen hat, läuft gerade in aller Stille, und der Merkur, der sonnennächste und am wenigsten erforschte der terrestrischen Planeten, bekommt bald erstmals seit der NASA-Mission MESSENGER wieder Gesellschaft aus der Umlaufbahn.
Häufig gestellte Fragen
Was ist BepiColombo genau?
BepiColombo ist eine gemeinsame Mission der europäischen Raumfahrtagentur ESA und der japanischen Raumfahrtagentur JAXA zum Merkur. Sie besteht aus zwei wissenschaftlichen Orbitern, dem europäischen Mercury Planetary Orbiter (MPO) und dem japanischen Mercury Magnetospheric Orbiter (Mio), die während der Reise gemeinsam vom Mercury Transfer Module (MTM) transportiert wurden. Gestartet ist BepiColombo am 20. Oktober 2018.
Wann kommt BepiColombo tatsächlich am Merkur an?
Die Ankunftsphase begann bereits am 3. September 2026 mit der Abtrennung des Mercury Transfer Module. Die eigentliche Einschwenkung in eine Umlaufbahn um den Merkur ist für den 21. November 2026 geplant, ein einziges autonomes Bremsmanöver ohne Möglichkeit zur Korrektur in Echtzeit. MPO und Mio trennen sich anschließend am 9. und 10. Dezember 2026 voneinander, der reguläre wissenschaftliche Betrieb soll im April 2027 beginnen.
Warum ist der Merkur so schwer zu erreichen?
Nicht die Entfernung macht den Merkur schwierig, sondern die Nähe zur Sonne. Jedes Raumfahrzeug, das sich der Sonne nähert, wird durch deren Schwerkraft stark beschleunigt und müsste diese Geschwindigkeit beim Merkur wieder komplett abbauen, um nicht daran vorbeizuschießen. BepiColombo löst das über neun Planetenvorbeiflüge an Erde, Venus und Merkur sowie einen Ionenantrieb, statt die nötige Bremsenergie allein mit klassischem Treibstoff mitzuführen.
Was soll BepiColombo am Merkur herausfinden?
Im Zentrum steht der ungewöhnlich große, teils flüssige Metallkern des Merkur und die Frage, wie ein so kleiner Planet ein aktives globales Magnetfeld erzeugen kann, eine Eigenschaft, die sich Merkur unter den Gesteinsplaneten nur mit der Erde teilt. Dazu kommen mögliche Wassereis-Ablagerungen in dauerhaft beschatteten Kratern nahe den Polen und offene Fragen zur Entstehung des Planeten selbst.
Welchen Beitrag leistet Deutschland zur BepiColombo-Mission?
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat zwei zentrale Instrumente für den europäischen Orbiter MPO entwickelt und betreibt sie während der Mission: das MERTIS-Spektrometer, das die Mineralogie der Merkuroberfläche im thermischen Infrarot kartiert, und den BELA-Laserhöhenmesser, der ein präzises Geländemodell des Planeten erstellt.
Was hat eine Merkur-Mission mit einem Live-Hintergrund wie Gloomia zu tun?
Direkt eigentlich nichts, und das ist bewusst so gesagt. Gloomias Orrery-Hintergrund berechnet fortlaufend die echten aktuellen Positionen der Planeten, darunter auch Merkur, anhand realer Bahndaten, zeigt dabei aber keine Raumsonden und keine Missionsereignisse. Space Explorer wiederum ist eine rein dekorative Szene einer Sonde vor Sternen, ohne Bezug zu BepiColombo oder einer anderen realen Mission. Wer die Mission selbst verfolgen will, braucht dafür die Kanäle von ESA und JAXA, der Desktop-Hintergrund bleibt Stimmung, keine Telemetrie.
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